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Schreiben

Die 7 Todsünden des Schreibens

Wie entsteht ein richtig guter Text? Indem der Schreiber einiges tut und vor allem sieben Dinge sein lässt.

Eine Kolumne zu schreiben, bedeute eine Woche Leidenszeit, gibt der Schriftsteller Peter Bichsel offen zu1. Wer selber hin und wieder Texte verfassen muss, dem ist dieses Gefühl bekannt. Schreiben ist eine schwierige Aufgabe, was man den Resultaten oft anmerkt. Warum ist das so? Weil korrekte Rechtschreibung allein noch keinen guten Text macht. Die interessanten Regeln bringt man uns in der Schule nicht bei.

Die meisten schlecht geschriebenen Texte kranken an typischen Mängeln, wir nennen sie die 7 Todsünden des Schreibens. Wie Sie diese vermeiden, lesen Sie hier. Doch seien Sie versichert: Das Leiden können wir Ihnen damit nicht ersparen.

 

1. Egoismus

Nicht Sie stehen im Zentrum des Interesses. Es sind Ihre Leser, denen die ganze Aufmerksamkeit gebührt! Ist das Thema, über das Sie schreiben, für Ihre Leser interessant, relevant und nützlich? Narzissmus ist fehl am Platz, wenn Sie Menschen erreichen wollen. Es ist wie an einer Party: Die interessanten Gespräche entstehen, wenn man Fragen stellt. Stellen Sie Fragen? Zeigen Sie echtes Interesse? Oder reden Sie nur?

 

2. Eitelkeit

Sie sind ein ausgewiesener Experte in Ihrem Fachgebiet, Sie lieben die lateinische Sprache oder Sie blättern gerne in Ihrem Lexikon der Synonyme: Widerstehen Sie der Versuchung und verzichten Sie auf Fachbergriffe, Lateinzitate und Fremdwörter. Diese haben nur einen Zweck: Ihre Eitelkeit zu bedienen und die Ehrfurcht des Lesers zu erheischen.

Schreiben Sie in einer Sprache, die Ihre Leser verstehen. Sind Fachbegriffe oder Fremdwörter unverzichtbar, erklären Sie sie.

 

3. Trägheit

Geht Ihnen das Schreiben leicht von der Hand, ist Vorsicht angebracht. Wahrscheinlich sind Sie einfach zu schnell zufrieden. Üben Sie sich in Selbstkritik. Das ist schmerzhaft, aber Ihre Leser werden es Ihnen danken. «Wer seinen Text sogleich gut findet, bloss weil er ihn geschrieben hat, der ist mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit ein Genie und mit sehr hoher ein weltfremder Zeitgenosse – wenn er auf Leser hofft.» Treffender als der Sprachkritiker Wolf Schneider kann man es nicht formulieren2. Überwinden Sie die Trägheit, hinterfragen Sie jeden Satz, jede Formulierung, immer und immer wieder.

 

4. Stillosigkeit

Selbst Bundesräte fallen dieser Todsünde anheim. Was will uns etwa der folgende Passus sagen: «Beim Elativen ist die Intuition als Via Regia der entscheidende Erkenntnisvorgang. (…) Sie ist Eingebung und Sehnen, das eine Empfangen, das andere Erwartung, daher ist der Vorgang des Intuierens eine Influenz, Funke zwischen Subjekten (...)». Wenn Sie gelesen werden wollen, dann machen Sie es besser als ein alt Bundesrat aus der Ostschweiz, von dem dieses Zitat stammt3, und der viel Häme dafür einstecken musste.

Ihr Text darf durchaus komplex sein, wenn das Thema es erfordert. Aber gönnen Sie dem Leser ab und zu eine Verschnaufpause. Veranschaulichen Sie schwierige Sachverhalte mit Beispielen. «Wer’s nicht einfach und klar sagen kann, der soll schweigen und weiterarbeiten, bis er’s klar sagen kann.» – eine scharfe Analyse des Philosophen Karl Popper.

 

5. Kleinmut

Seien Sie kein Langweiler! Liefern Sie keine Pflichtübungen ab. Ihre Leser wollen erobert werden. Achten Sie besonders auf den Anfang. Wenn Sie beim ersten Satz scheitern, haben Sie den Leser verloren. Überraschen Sie Ihr Publikum und erlauben Sie sich auch mal eine Frechheit.

«Ich bin jung und reich und gebildet; und ich bin unglücklich, neurotisch und allein. Ich stamme aus einer der allerbesten Familien des rechten Zürichsee­ufers, das man auch die Goldküste nennt. Ich bin bürgerlich erzogen worden und mein ganzes Leben lang brav gewesen. Meine Familie ist ziemlich degeneriert, und ich bin vermutlich auch erblich belastet und milieugeschädigt. Natürlich habe ich auch Krebs.» – ein Einstieg wie ein Donnerschlag! Wer hier nicht weiterliest, hat ein Herz aus Stahl. Das Beispiel stammt aus «Mars» von Fritz Zorn. Es ist ein Buch, das in den 1980er-Jahren intensiv gelesen und noch intensiver diskutiert wurde.

 

6. Masslosigkeit

«Eine kurze Geschichte der Menschheit» – ein Widerspruch in sich selbst? Nicht unbedingt. Der israelische Autor Yuval Noah Harari verdichtete die Menschheitsgeschichte auf süffige 500 Buchseiten und landete einen internationalen Bestseller. Das Erfolgsrezept: weglassen, entschlacken, strukturieren. Harari entwickelt sein Buch entlang der dramatischsten Umbrüche in der Geschichte der Menschheit. Er folgt einer klaren Struktur und verzichtet auf Ballast. Wir lernen: Ein Text ist nicht dann fertig, wenn es nichts mehr hinzuzufügen gibt, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann. Das gilt auch für Schwulst und Gepränge. Entschlacken Sie Ihren Text besonders von Adjektiven.

 

7. Zorn

Feuer und Zorn sind wir uns gewohnt, seit im Weissen Haus eine neue Ära begonnen hat. Sie sollten sich davon aber nicht verleiten lassen. Wutschriften gehören in den Giftschrank geschlossen. Je emotionaler Sie sind, umso dringender raten wir Ihnen: Lassen Sie den Text über Nacht ruhen. Unterziehen Sie ihn einer zweiten Lesung. Und lassen Sie ihn von einer neutralen Person gegenlesen. Haben Sie die Büchse der Pandora einmal geöffnet, ist das Gift im Umlauf. Sie könnten es bitter bereuen.

 

Die Angst vor dem Scheitern ist normal

Sie vermuten, dass das Schreiben mit etwas Übung leichter fällt? Von wegen! Das Schreiben sei ein dilettantisches Geschäft, sagt Peter Bichsel: «Man bleibt ein Leben lang ein Stümper, man lernt es nie.» Wir denken, das ist eine gesunde Haltung. Ein garantierter Schutz vor Anmassung.

 

1 Der Bund: 1.4.2009, «Schreiben fällt mir furchtbar schwer»

2 Wolf Schneider: Deutsch! Das Handbuch für attraktive Texte. Rowohlt Verlag, 2006.

3 Hans-Rudolf Merz: «Die aussergewöhnliche Führungspersönlichkeit. Essay über Elativität und ­elative Persönlichkeit». Verlag Rüegger. Zürich 1987. Seite 30, zitiert nach WOZ, 4.12.2008