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Reden

Was macht eine gute Rede aus?

Eine gute Nachricht für alle Introvertierten: Es braucht kein Charisma für eine überzeugende Rede.

 

Mit der entsprechenden Vorbereitung gelingt auch zurückhaltenden Menschen ein perfekter Auftritt. Was es dabei zu beachten gilt, können wir von den alten Griechen und Römern lernen. Was wir dabei nicht unterschlagen dürfen: Eine überzeugende Rede ist mit Arbeit verbunden. Doch seien Sie versichert: Der Aufwand lohnt sich!

Manchmal haben selbst geübte Redner Mühe, in Fahrt zu kommen. Fast wären wir um einen historischen Redemoment ärmer, hätte Martin Luther King nicht einen kleinen Wink aus dem Publikum erhalten – und verstanden. Wir schreiben den 28. August 1963: In Washington D.C. versammeln sich 200 000 Menschen vor dem Lincoln Memorial und fordern das Ende der Rassendiskriminierung. Der Termin wurde bewusst auf einen Mittwoch angesetzt, damit auch Juden und christliche Seelsorger am Marsch teilnehmen konnten, ohne gegen ihre religiösen Verpflichtungen zu verstossen. «We march for integrated schools. Now!», steht auf den Transparenten, die die Frauen, Männer und Kinder mit sich tragen, «We march together: Catholics, Jews, Protestants, for dignity and brotherhood of all men under God. Now!». Die Sonne brennt erbarmungslos auf den Platz vor dem Lincoln-Denkmal. Das Publikum ist müde und von den zahlreichen Vorträgen dieses Tages gesättigt. Martin Luther King – der Starreferent der Veranstaltung – tritt als Letzter ans Rednerpult. Noch bis in die Morgenstunden hat King an seinem Manuskript gefeilt. Sein Berater hat ihm eingeschärft, auf eine Formulierung zu verzichten, die er in seinen Predigten immer einsetzt: «I have a dream.» Das wirke abgedroschen, so der Berater. King befolgte den Rat und strich die Formulierung aus dem Text. Doch als King sein Manuskript verliest, zeigt sich: Der Funke springt nicht. Das Publikum verharrt in Lethargie. Plötzlich ruft eine Stimme aus dem Publikum: «Tell ’em about your dream, Martin!» Es ist die Gospel-Sängerin Mahalia Jackson, die in Kings Nähe steht. King setzt seine Rede fort. «The dream, Martin!», insistiert Mahalia Jackson. Endlich löst sich King von seinem Manuskript: «I have a dream today!», ruft er in die Massen, «I have a dream that my four little children will one day live in a nation where they will not be judged by the color of their skin but by the content of their character.» Das Publikum erwacht: «Dream some more!», rufen die Menschen begeistert aus der Menge zurück. Und nun zieht King alle rhetorischen Register. Die Kraft seiner Worte reisst das Publikum mit.

Die gute Rede entfacht Leidenschaft im Publikum. Poetischer formuliert hat das der polnische Lyriker Stanisław Jerzy Lec: Es genügt nicht, dass man zur Sache spricht, man muss zu den Menschen sprechen. Gelingt es dem Redner nicht, eine Beziehung zum Publikum aufzubauen, bleiben seine Argumente ohne Wirkung.

 

Ars bene dicendi – die Kunst, gut zu sprechen

Die Menschen in der Antike erkannten früh, welche Bedeutung die öffentliche Rede für die Meinungsbildung in der Demokratie hatte. Und so begannen sie, sich mit der Redekunst zu befassen. Sie fragten sich: Wie muss ich reden, damit ich verstanden werde? Wie kann ich überzeugen? Wie wecke ich das Interesse meines Publikums? Die Erfahrungen aus der Praxis wurden in Lehrbüchern gesammelt. Zu den wichtigsten Werken aus dieser Zeit gehören «Rhetorik» des griechischen Philosophen Aristoteles (384–322 v. Chr.) und «De Oratore» des römischen Politikers und Philosophen Marcus Tullius Cicero (106–43 v. Chr.).

 

Die drei Säulen der Rhetorik

Die überzeugende Rede stützt sich auf drei Säulen: Logos – Argumente und Beweisführung; Pathos – die Emotionen des Publikums; und Ethos – die Glaubwürdigkeit des Redners. Aristoteles, der Begründer dieses Modells, legt dem Redner nahe, keine der drei Säulen zu vernachlässigen.

 

Der Dreiklang macht’s

Der ausgewogene Dreiklang von Logos, Pathos, Ethos: Das ist es, was auch Martin Luther Kings Rede in Washington D.C. zu einem rhetorischen Meisterwerk macht. King verwendet Auszüge aus der Bibel, aus der Unabhängigkeitserklärung der USA, der US-Verfassung sowie der Erklärung zur Sklavenemanzipation von Präsident Lincoln. Er verwendet Anaphern, das sind Wiederholungen von Wörtern am Satzanfang von aufeinanderfolgenden Sätzen: «Lass die Glocken der Freiheit von den wunderbaren Hügeln von New Hampshire läuten. Lass die Glocken der Freiheit läuten von den mächtigen Bergen New Yorks. Lass die Glocken der Freiheit von jedem Hügel und Maulwurfshügel in Mississippi läuten. Von jedem Berghang lass die Glocken der Freiheit läuten. Let freedom ring!»

 

1. Logos – Überzeugen durch rationale Argumentation

Die überzeugenden Argumente zu erkennen und widerspruchsfrei darzulegen, ist die erste Säule einer guten Rede. Der Redner belegt seine Behauptungen: Dazu präsentiert er Dokumente, Bilder oder Zeugnisse Dritter. Er achtet auf eine verständliche, dem Publikum angepasste Sprache.

Die Struktur der Rede unterstützt die Argumentation. Die einzelnen Argumente müssen in eine sinnvolle Ordnung gebracht werden: Aus A folgt B, aus B folgt C. Der klassische Redeaufbau aus Einstieg (exordium), Erzählung (narratio), Beweisführung (argumentatio) und Schlussfolgerung (conclusio) hat noch immer Gültigkeit.

 

2. Pathos – Überzeugen durch Emotionen

Wer die Menschen zu einer Aktion bewegen will, muss sie zunächst emotional bewegen. Das ist die zweite Säule der Rhetorik. Eine wirkungsvolle Rede rührt an den Gefühlen des Publikums – sie operiert mit Ärger, Freude, Überraschung, Stolz oder Furcht. Aristoteles riet dem Redner unverblümt, die Zuhörer in Furcht zu versetzen, sofern dies vorteilhaft ist, «indem er sagt, dass gerade sie die Leute sind, denen Leid bevorsteht». Der Redner erzählt entsprechende Geschichten und zeigt konkrete Beispiele auf.

 

3. Ethos – Überzeugen durch Glaubwürdigkeit

Ist das Manipulation? Wo ist die Grenze zwischen Überzeugung und Überredung? Die antiken Rhetoriklehrer warnen: Ein Redner kann noch so gut argumentieren und an Gefühle appellieren – er wird scheitern, wenn er unglaubwürdig ist. Das Ethos, die sittliche Gesinnung des Redners, ist die dritte Säule der Rhetorik. Für Cicero galt: Der Redner kann nur das glaubwürdig vertreten, woran er selber glaubt. Oder negativ formuliert: Man kann nichts glaubhaft vermitteln, von dem man nicht selbst überzeugt ist. Das Publikum spürt eine solche Diskrepanz sehr rasch. Oder wie es der römische Philosoph Augustinus formulierte: «In Dir muss brennen, was Du in anderen entzünden willst.»