DE|FR

Verbandsmanagement

Interview: Marco Tackenberg

«Früher reichte es, einen Einzahlungsschein zu schicken»

Wer in der Schweiz Verbandsmanagement studiert, kommt um seinen Namen nicht herum: Prof. Robert Purtschert führt seit bald über dreissig Jahren Studierende in die Besonderheiten des Managements von Non-Profit-Organisationen ein. inforo hat sich mit ihm über Herausforderungen und Lösungsansätze im Management von Verbänden unterhalten.

 

    Herr Purtschert, das Grundsätzliche gleich zu Beginn: Warum braucht es Verbandsmanagement?
Verbände sind irgendwo zwischen Staat und Privatwirtschaft angesiedelt. Die klassische Betriebswirtschaftslehre hat sie vergessen. Dabei arbeitet ein Fünftel aller Beschäftigten des tertiären Sektors in NonProfit-Organisationen! Auch sie brauchen Management-Instrumente, um ihre Ziele effizient zu erreichen.

    Was ist so speziell bei Verbänden gegenüber gewinnorientierten Unternehmen?
Bei Verbänden stehen die konkreten Leistungen gegenüber den Mitgliedern im Vordergrund. Im Gegensatz zu Unternehmen ist die Gewinnerzielung nicht der wichtigste Organisationszweck. Zudem sind Verbände anders organisiert: Oft sind sie demokratisch strukturiert, Milizer und Profis arbeiten eng zusammen. Verbände übernehmen häufig auch parastaatliche Aufgaben, wie zum Beispiel die Ausbildung von Lehrlingen.

    Sie sagen, in Verbänden finde eine Entwicklung weg von der Dienstorientierung hin zu einer Dienstleistungsorientierung statt. Was meinen Sie damit?
Im Verbandsmanagement lehren wir heute, bei den Bedürfnissen der Mitglieder anzusetzen. Es gilt systematisch zu erfragen, was das einzelne Mitglied vom Verband erwartet. Früher reichte eine Dienstgesinnung. Gemäss Pflichtenheft arbeitete man zuverlässig seine Aufgaben ab. Heute, wo Mitgliedschaften immer mehr hinterfragt werden – «was bringt es mir?» -, muss der Verband seine Dienstleistungen stetig an die Bedürfnisse der Mitglieder anpassen.

    Können Sie uns ein Beispiel für die alte «Dienstorientierung» nennen?
Vor zwanzig, dreissig Jahren war die Mitgliedschaft in einem Verband noch eine Selbstverständlichkeit. Es genügte folglich, wenn das Sekretariat eine Beitrittserklärung und einen Einzahlungsschein verschickte und die Jahresversammlung organisierte. Heute erwartet ein Neumitglied mehr. Es muss spüren, dass es im Verband willkommen ist. Und die Mitglieder wollen wissen, was ihnen der Verband nützt.

    Verbände stehen vor dem Problem, fähige Milizkader für die Verbandsarbeit zu finden. Was raten Sie?
Das ist heute eine enorme Herausforderung für die grosse Mehrzahl der Verbände in der Schweiz! Patentlösungen gibt es nicht. Hilfreich sind aber Instrumente wie Tätigkeitsprofile und Pflichtenhefte, damit sich Kandidaten überhaupt ein Bild von ihrer Aufgabe machen können. Es ist auch nicht falsch, die Qualitätsansprüche an das Ehrenamt klar zu kommunizieren. Wir stellen fest: Höhere Ansprüche an die Kader führen oft dazu, dass das Amt als interessant wahrgenommen wird und man eher Kandidaten findet.

    Bei Verbänden raten wir zur Professionalisierung von Sekretariaten. Milizkader sollen nicht in ihrem Ehrenamt administrative Arbeiten machen müssen.
Das ist ein wichtiger Punkt. Milizkader sollen ihre Stärken in die Verbandsarbeit einbringen. Bei den Mandaten von forum|pr denke ich zum Beispiel an das spezifische Fachwissen einer Ärztin oder einer Zahnärztin zu Hygienemassnahmen in der Praxis. Sekretariatsarbeiten wie das Mahnwesen oder juristische Beratung bei der Formulierung einer Vernehmlassungsantwort werden durch Verbandsfachleute effizienter erledigt.

    Besten Dank für das Gespräch.


Prof. em. Dr. Robert Purtschert (links im Bild) war von 2001 bis zu seiner Emeritierung 2007 Direktor des Verbandsmanagement-Instituts der Universität Fribourg. Seine Forschungsschwerpunkte sind Marketing und Kommunikation für Non-Profit-Organisationen. Robert Purtschert ist seit 2007 Verwaltungsrat der forum|pr AG.